Posted On 1. November 2014 By In gedacht, Slider, ungefiltert And 610 Views

dark adaptation

Lange ist es her, als ich anfing die ersten Geschichten und Gedichte zu schreiben. Seither sind viele Jahre vergangen, in denen mal mehr, mal weniger Texte entstanden. Dark Adaptation ist meine erste vollständige Kurzgeschichte. Sie entstand bereits im Jahr 2003 und verarbeitet einen Abschiedsbrief, der mir bei meiner Arbeit während der Bundeswehrzeit in die Hände gefallen ist.

Es ist ein Tag wie jeder andere, in dieser kleinen Großstadt regnet es den Großteil des Jahres. Dicke Wolken, geprägt von bösen Gesichtern, ziehen in rasender Geschwindigkeit über meinen Kopf. Ich spüre die feuchte Luft auf meiner freiliegenden Haut, meinen Händen, meinem Gesicht, als greife etwas nach mir und versuche mich in seinen Bann zu ziehen. Ein Schauer fährt mir bei diesem Gedanken über meinen Rücken und lässt meinen Körper nach einem kurzen, aber sehr heftigen zittern, für eine Sekunde erstarren. Schritt für Schritt, müde und sichtbar genervt, bewege ich mich durch die schmalen Gassen, versuche nicht hoch zu schauen und den in Regenbogenfarben schimmernden Pfützen auszuweichen. Am Schirm, welcher ebenso grau ist wie das Wetter, führt ein Strick von der Spitze hin zum Griff, ich nehme an, dass dieser der Funktion des Umhängen dienen soll. Meine Gedanken erfassen den Regen und ich überlege, aller wie viel Tropfen es gelinge, dass einer auf die Spitze des Schirmes landet und langsam an dem daran befestigten Stick herunter auf meine Hand und weiter in meinen Ärmel läuft. Betrachtet man die Menge des Regens, so könnte genau dies sehr häufig geschehen, betrachtet man aber die Fläche, auf welcher der Niederschlag herunter prasselt, so sollte es nicht sehr häufig vorkommen, betrachte ich aber die Nässe meines Ärmels, so muss ich feststellen, dass ich mit meinen Vermutungen wohl eher falsch liege. In diesen Gedanken versunken, schweift mein Blick über die hässlich, schmutzig wirkenden Gebäude an meiner Seite. Wie große Felsen, welche eine Schlucht in das Unheil bilden, treiben sie mich zu schnelleren Bewegungen. Ein Tropfen, ich kann mich in ihm sehen, verzerrt spiegelt sich mein Abbild in ihm. Er fällt ganz langsam, wie in der Ewigkeit verloren, kann ihm mit meinen Augen folgen, bis er in einem Meer aus Regen in einem riesigen Gewässer verschmilzt und sich gemeinsam mit tausenden seiner Art einen Weg in meinen Schuh sucht. Erschrocken aus der totalen Abwesenheit, ziehe ich mein Bein an mich heran und versuche mit einem gewagten Sprung aus diesem See am Straßenrand zu entkommen. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man nicht Fluchen soll, aber in diesem Moment konnte ich nicht anders: „Verdammter …, verfluchte …!“, schrie ich lauthals vor mich hin. Volltreffer, nun stand ich da, mit Wasser im Schuh und einem mittlerweile völlig durchnässtem Ärmel.

Zur selben Zeit im Haus neben dem See am Straßenrand, auf welchem der Regen tanzt. Mit einem dumpfen Schlag fällt die Stahltür, von außen in einem dunkeln Rot, von innen in einem hellem blau gestrichen, übersät mit Roststellen, in das Schloss. Ein Stiefel, schwarz wie die Nacht, schwer durch die Stahlkappe im vorderen Bereich, akkurat geschnürt und blitz sauber, stampft mit leichtem quietschen, bedingt durch die dicke Gummisohle, auf die Stahltreppe. In diesem Schuh steckt ein Mann, welchen seine Freunde als liebenswürdig, zuvorkommend, hilfsbereit und als Träumer beschreiben. Kameraden hingegen beschreiben ihn als nachdenklich, ängstlich und zurückgezogen. Mit stattlicher Figur, sportlich und gepflegt, perfekt in seiner Uniform gekleidet, schreitet er schweren Schrittes die alten und klapprigen Stufen hinauf. Die Gedanken in seinem Kopf schwirren so schnell umher, dass eine Leere entsteht, absolute Ruhe, ein Gefühl des Schwebens. Seine Augen sind Blau wie die Innenseite der Tür, durch welche er vor wenigen Sekunden ging. Sie wirken wie festgewachsen, starren in den Raum aus Luft vor ihm. Ein Regentropfen perlt von seinen blonden, kurzen Haaren über seine Stirn auf seine Nase und tropft nach einer kurzen Verweildauer von ihr ab. Er kann ihn sehen, sieht sein verzerrtes Abbild in dessen Inneren und ihn auf einer kleinen Strebe der Stufe zerspringen. Mit tausendfacher Verstärkung nimmt er das Geräusch des Aufpralles war und die Leere seiner Gedanken ist für einen Bruchteil einer Sekunde verschwunden. Ruhig und zielstrebig betritt er das Dach des Felsen und geht in genau demselben schweren Schritt, wie er zuvor die Treppe bezwang, zum Rand des Hauses und sieht in die Schlucht. Wie seidene Fäden schlägt das Nass vom Himmel herab und liefert ein Abbild seiner Gestallt auf dem harten Asphalt.

Frierend auf Grund des nassen Fußes, erschrecke ich vor dem Schatten auf der Strasse. Nicht die Sonne projiziert diese Gestallt. Ungläubig wische ich mir mit dem nassen Ärmel über die Augen, keine Änderung. Neugierig und unbeholfen, nehme ich den Schirm aus meinem Sichtfeld, blicke entlang des Rinnsteins, folge einem Holzstück, welches sich wie ein kleines Boot auf einem Fluss dem Wasserfall nähert, bis es im Abwasserkanal verschwindet. Sehe eine rote Tür und folge der Dachrinne entlang zum Dach des Hauses. Es scheint, als beuge es sich über mich und drohe auf mich herab zu stürzen. Die Fenster wirken wie böse Augen, die eingeschlagenen Scheiben in einer unteren Reihe wie Zähne eines riesigen Monsters. Bis ein Tropfen mein Auge zum tränen zwingt. In schneller Bewegung die Finger meiner gezeichneten Hände die Träne verwischt und mit dem restlichen Nass verbindet. Mein Blick auf den stetig wachsenden See vor dem Haus fällt und das Spiegelbild welches mir eine Person auf dem Gipfel der Felsen zu erkennen gibt. In ebenso schneller Bewegung wie das Greifen nach dem Sehorgan, drehe ich meinen Kopf in Richtung Dach. Ohne nur eine Sekunde gedacht zu haben, ließ ich den Schirm fallen und lief auf die rote Stahltür zu, schlug sie auf und hechtete in großen Schritten die alte, klapprige Stahltreppe hinauf auf das Dach des Monsters.

Völlig durchnässt steht er da. Den Blick immer noch starr auf die Luft vor ihm gerichtet. „Entschuldigt bitte“ murmelt er. Seine Gedanken sind bei seiner Frau und seinem Kind. Seine Hände sind fest zu einer Faust geballt und seine Knie zittern. Ich kann nicht sagen, ob vor Kälte oder Angst, wahrscheinlich ein wenig von beidem. Vorsichtig mache ich mich bemerkbar: „Hallo“, flüstere ich in einer Lautstärke, vor welcher er nicht erschrecken sollte, er aber auch wahrnehmen kann. „Hallo, hast du ein paar Minuten Zeit für mich, oder hast du es so eilig, dass du ohne zu reden gehen willst?“ Mein Gott, jetzt reiß dich zusammen, sagte ich zu mir, meine Stimme zitterte bei den Worten, welche ich an ihn richtete. Ganz ruhig bleiben, keine Panik verursachen. Die Starre seiner Augen verschwand, er blinzelt und schließt für einen Moment die Au-gen, atmet tief ein, hält für einen kurzen Moment inne und bläst die Luft mit einem tiefen und langem Seufzer wieder aus. Ohne auch nur einen Moment seinen Kopf in meine Richtung zu bewegen, sprach er mit schwerer und belegter Stimme, als könnte er vor Erschöpfung nicht sprechen: „Bitte komm nicht näher.“. Seine Uniform saß immer noch korrekt, nur eine Kleinigkeit passte nicht in das perfekte Bild dieses Soldaten. Ein weises Blatt Papier schaute zur Hälfte aus seiner rechten Hosentasche. Dem Laster verfallen, griff ich in meine rechte Tasche und fasste die Schachtel mit meinen Zigaretten. Trotz trommelnden Regens konnte ich das knistern des Papiers beim öffnen vernehmen. Eine Zigarette steckte ich mir in der gewohnten Bewegung in meinen linken Mundwinkel, eine andere klemmte ich vorsichtig zwischen Deckel und Schachtel ein. „Kann ich Dir eine Kippe anbieten?“ fragte ich und ging einen kleinen Schritt auf Ihn zu. Dieser eine Schritt, nur eine Bewegung meiner Gliedmaßen, trieb zwischen den Flüssen von Regen, Schweißtropfen auf meine Stirn. Vor Aufregung zitternd streckte ich ihm die Schachtel mit der eingeklemmten Zigarette entgegen. Mein Herz rast, als Reaktion meiner Gefühle schießen Tränen in meine Augen als er seine Position verändert. In Zeitlupe sehe ich seinen Körper bewegen, wie sich sein Rumpf langsam nach vorn beugt und die Gelenke seiner Beine sich beugen. Springend, doch viel zu langsam richtet sich meine Bewegung zu seiner Person, als ich auf meinen Knien landend, aufgegeben die Chance ihn zu packen, vor ihm aufschlage. Erschrocken wendet er seinen Blick ab von der Tiefe der Erinnerung vor sich starrend, auf mich, setzt sich auf die Mauer und sieht mit seinen hellblauen Augen in die Meinen. „Das Land ist stolz und wir sind stark geworden in diesem Land. Jeder hat uns gewollt, wir waren erwünscht, erwählt es zu schützen. Man hat mich kämpfen gelehrt, siegen. Ich habe niemals geglaubt, dass ich versagen könnte. Aber jetzt gibt es nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich bin ein Mann, den seine Träume verlassen haben. Ich habe mein Gesicht geändert, aber das hilft nicht, Niemand will Dich, wenn Du verlierst.“ Mit diesen Worten griff er nach der Schachtel und legte die Zigarette in seinen linken Mundwinkel. Benommen und erschüttert von der vorangegangenen Situation führte ich mein Feuerzeug in Richtung seiner Zigarette und zündete sie an. Nur Zentimeter von ihm entfernt, legte ich meine Hand auf die Mauer und zog mich mit all meiner verbliebenen Kraft das Gewicht meines Körpers neben ihn, als er begann zu erzählen:

„Ich sehe, was um mich geschieht, aber ich hatte nie das Gefühl, dass wir die Spitze sind. Die Dinge haben sich geändert. Letzte Nacht fuhr ich nach Hause, dorthin, wo ich geboren wurde, an das Haus am See. Als es Tag wurde, sah ich nur noch die nackte Erde. Der Wald war niedergebrannt. Sie versprachen mir Hilfe, doch niemand hörte mir wirklich zu, sie schickten mich zu Ärzten, doch sie kratzen nur an der Oberfläche und niemand hörte mir zu. Zu Hause angekommen legte ich mich neben meine Frau, verkroch mich in ihren Armen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal glücklich war, wann ich sorglos lachen und weinen konnte, kann mich nicht erinnern, wann ich Dich das letzte Mal so liebte, das ich Dich nicht mehr loslassen wollte, dass ich Dich immer und immer wieder küsste, das wir frei waren. Doch sie hörte mir nicht zu.“ Diese Worte sprach er mit weinerlicher Stimme, den Blick ins Nichts gerichtet. Sie trafen mich wie Messerstiche mitten ins Herz, Tränen vermischten sich mit dem Regen. Immer noch am ganzen Leib zitternd, stotterte ich halblaut vor mich hin: „Ich kann Dich gut verstehen, Deine Worte klingen, als währen sie aus meinen Gedanken entsprungen. Aber dies ist nicht der Weg Gottes, es ist Dein Weg, der leichteste, alles hinter sich lassen ohne die Konfrontation zu suchen, aus seinem eigenen Leben zu verschwinden, als wäre man nie da gewesen. Es ist nicht Dein Weg.

Ein Kribbeln fährt durch meinen Magen, als ich in der Tiefe einen Tropfen in der zum See angewachsene Pfütze fallen sehe, wie sich durch den entstehenden Druck die Wasseroberfläche wölbt und eine zur Flut heranwachsende Welle bildet. Das Kribbeln breitet sich in meinem Körper aus und entwickelt eine Übelkeit ohne gleichen, behutsam hebe ich meinen Kopf, ziehe den Fokus meiner Augen aus der unendlichen Entfernung auf das Haus gegenüber. Durch der Bewegung losgetretenen Lawine an Wasser strömt dies in meine Augen. Mit verschwommenem Blick wende ich mich vorsichtig der Person hinter mir zu. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt um zu sterben, jedoch ist es der richte Moment…“ Als sich plötzlich das unklare Bild vor mir säubert, ich erkenne ein Gesicht, ich erkenne mein Gesicht. „Nein.“ In schneller Bewegung schlage ich auf meinen Kopf, schüttle ihn. „Nein.“ „Es ist nicht Dein Weg, es ist nicht der richtige Zeitpunkt um zu sterben!“ Schrie ich mich an. „Du kannst nicht einfach so aus dem Leben Deiner Familie, Deiner Freunde verschwinden.“ Verwirrt, ich fühle mich so verwirrt, tausende Gedanken hämmern auf einmal auf mich ein. Bis ich endlich die Klarheit wieder erlangen konnte, vergingen Minuten, wenn nicht Stunden. Das letzte an was ich mich erinnern kann, ist ein Anfall von Ohnmacht, ich sah mich mit einem kurzen, hellen Flackern verschwinden. Einfach vom Dach des Hauses verschwinden, ich habe ihn verjagt, kaputt gemacht, wie so vieles in meinem Leben.

Die Uniform ist bis auf meine Haut durchnässt, der Regen wird stetig stärker und der Himmel verdunkelt sich mit jeder Minute, bringt mich sekündlich einem Stück der Freiheit näher. Die vor Kälte blau angelaufene Hand hebt sich schwerfällig und zieht die Falten aus meinem Parka, streift kurz über den Ärmel der Jacke und fällt zurück. Die verklebten Lippen öffnen sich krampfhaft, die Lungenflügel beginnen sich zu dehnen, so dass stotternd die vom Niederschlag stark befeuchtete schwere Luft durch meinen Mund über den Rachen hinab durch die Luftröhre in die Lungenflügel strömt, für einen kurzen Moment entsteht dadurch ein erhöhter Sauerstoffaustausch und mein kleines Herz beginnt für diesen noch so kurzen Moment zu rasen. Verfallen in die Trance der Freiheit drehen sich die Augäpfel nach oben hinweg bis sie durch die schwere der Lieder verschlossen. „Ich sehe mich im Spiegel des Sees…“

„Es ist nicht der richtige Zeitpunkt zum sterben, jedoch ist es der richtige Moment…“ Die Sonne blendet mich beim Schreiben und so strecke ich ihr schützend meine Hand entgegen. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt zum sterben, jedoch ist es der richtige Moment um alles zu beenden.“ Mit diesem Brief nehme ich Abschied, dieses Dasein darf nicht überleben, mit dem öffnen dieses Briefs werde ich nicht mehr bestehen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, bin vor Not ganz stumm. Das was ich befürchtet habe ist geschehen und wirft mich um. Nun sitze ich hier seit mehreren Stunden und schreibe diesen Brief, als Erklärung, nicht als Entschuldigung. Jetzt ist mein Kopf leer, frei von jedem Bedenken, jedem Gedanken.

Es ist ein wunderschöner Tag, viele Stunden saß er auf dem kalten Blech des Dachs. Diese, seine letzten Worte schrieb er in völliger Freiheit, er stand auf, richtete seine Uniform ordnungsgemäß her, schob sein Bahret in die richtige Position, faltete den Brief und verstaute ihn in seiner Hemdtasche. Zielstrebig stieg er auf die Mauer und sprang.

In Gedenken an einen Soldaten der Bundeswehr.
14.11.2003
Kay Arnold

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