Posted On 20. November 2014 By In gedacht, Slider, ungefiltert And 1419 Views

Das Jahr 3916

„OK, ich lasse mich auf die Diskussion ein. Also, angenommen es gibt eine Entität, einen Gott und seine Entstehungsgeschichte. Nein, ich kann das nicht, warum gibt es denn mehrere Götter und nicht nur einen. Ich kann nicht daran glauben, es ist mir nicht möglich. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Fragen stellen sich mir.“, während Richard in seinem Monolog versunken ist, geht er zum Kühlschrank und holt sich einen Orangensaft.
„Wow, der ist aber kalt, du solltest unbedingt deinen Kühlschrank richtig einstellen, das kann ja so keiner trinken.“
Noch immer nach meinen Zigaretten suchend, rufe ich abgelenkt ins Wohnzimmer:
„Entität bezeichnet alles Existierende. Was du meinst ist die Theogonie oder Kosmogonie.“
„Was weiß denn ich. Du hast mit dem Thema angefangen. Nur weil du dieses blöde Buch gelesen hast.“
„Nur weil du dich nicht damit auseinandersetzen willst, ist es noch lange kein blödes Buch. Ah, da sind sie ja.“

Richard, eines meiner sich hin und wieder manifestierenden Ichs, ist genau der richtige Gesprächspartner um sich mit dem Buch von Phillip K. Dick und dem Thema der Theogonie und Kosmogonie auseinanderzusetzen. Ab und an nervt er ein wenig, aber er ist ein guter Freund und ein stetiger Begleiter. Wenn ich ihn brauche, dann ist er zur Stelle, hört mir zu und steht trotz diverser Meinungsverschiedenheiten hinter mir. Mein Container – Häuser gab es bis zum 22.12.3916, bis zum Ende der Zeitrechnung. Ein paar Monate nach der Explosion wurden die ersten Krypten gebaut. In denen wohnen wir seither. Krypta deswegen, weil wir in diesen Dingern auch beerdigt werden. Stirbt man, wird man einfach mit samt seiner Wohnung ins All geschossen. Die Zeiten haben sich tatsächlich geändert. Neben dem Effekt der platzsparenden Entsorgung der Verstorbenen, haben diese Dinger noch ein paar weitere Vorteile. Zum einen können sie fliegen und einem so an fast jeden beliebigen Ort bringen, zum anderen sind sie nur 5 Meter lang und 2 Meter breit. Im Inneren existiert eigentlich nichts außer Elektronik. Alles was in der Krypta passiert, wird durch ein holographisches Programm gesteuert. In der Realität liegt man in einer Art Frischhaltepackung. Treffender ist wohl Sarg. Mein Sarg, ist noch mit altertümlichen schwedischen Möbeln aus den Jahren um 2009 bestückt und gemütlich eingerichtet. Oft werde ich deswegen belächelt, auch von Richard, aber alle fühlen sie sich wohl.

Nachdenklich ziehe ich an meiner Zigarette und nehme auf dem zweiten Sofa im Wohnzimmer Platz. Richard hat es sich bereits auf dem größeren der beiden bequem gemacht. Typisch Richard.
„Erst mal vorn weg, die Theogonie behandelt die Entstehung Gottes, die Kosmogonie die Weltentstehung. Natürlich ist beides eng miteinander verbunden. Unsere begrenzte Auffassungsgabe lässt es nicht zu an einen Gott zu glauben, ohne dass eine Welt darunter existiert. Nehmen wir einmal an, es existiert nichts. Kein Universum, keine Galaxien, keine Planeten, Sterne, Sonnen und natürlich auch nichts, was auf oder in ihnen existieren könnte. Das absolute Fehlen von Entität.“ Richard schlürft an seinem Orangensaft. Wie es scheint ist ihm dieser immer noch viel zu kalt. Fehlt nur noch, dass er in die Plastikflasche pustet um den Inhalt zu erwärmen.
„Nichts also, so wie gerade der Inhalt meines Gehirns.“, fast verschluckt er sich vor Lachen. Das ist wieder eine dieser Situationen, in welchen ich Richard verbannen könnte. Mit genervtem Blick wende ich mich ihm zu:
„Ist ja gut. Willst Du nun mit mir die Diskussion führen oder nicht?“
„Ja, ja schon gut, man darf ja wohl mal noch einen Scherz machen. Wir sind also beim Nichts. Dann gib mal deine Gedanken preis.“, auffordernd setzt sich Richard auf und stellt den Saft auf den Tisch.
„Ich habe folgende Idee zur Entstehung der Götter: Am Anfang stand das Nichts.“
„Soweit waren wir schon mal“, unterbricht mich Richard erneut.
Genervt und seinen Kommentar ignorierend fahre ich fort:
„Das Nichts entdeckte, dass es nicht allein war. Denn was es schon immer umgeben hat, war die Zeit. Ein sehr altes Wort für die Zeit ist Tid. Ich werde nur noch von Tid sprechen, denn das ist sein Name. Tid, bemerkte ebenfalls, dass es etwas in sich trug, etwas mit Wahrnehmung. So kam es, dass beide in Kontakt miteinander traten. Das Nichts lamentierte, das ihm langweilig und es allein sei. Tid, das schon immer war, hörte sich das Wehklagen an und entschied dem Nichts zu helfen.“
Meine Augen richten sich auf die Wand vor mir. Eigentlich wollte ich da ein Bild anbringen, muss ich unbedingt noch ins Holosystem eingeben. Richard lauscht gespannt meinen Worten und ich fahre fort:
„So kam es, dass Tid dem Nichts einen Strang aus Informationen übermittelte. Informationen, durch die das Nichts nicht mehr nichts war, es hatte ja jetzt Informationen. Was Tid nicht bedachte, durch die Übermittlung der Informationen, wurde aus dem Nichts ebenfalls Information und das Nichts verschwand, wurde zu Tid.“

Richard sieht mich mit großen Augen an, aus der Falte auf seiner Stirn schließe ich, dass er angestrengt nachdenkt.
„Das heißt, dass Tid, die Zeit, das Nichts auflöste oder besser, dass Tid das Nichts erlöste.“
Ein breites Lächeln macht sich auf meinen Lippen breit.
„Richard, Du hast es verstanden.“
„Nun gut, wir haben also die Zeit, entschuldige, Tid, der oder die oder das dass Nichts erlöste und somit wieder allein ist.“ Richard lässt sich zurück auf die Couch fallen und massiert seine Schläfen.
“Ich brauch erst mal was zu trinken.“ Er steht auf und geht zum Kühlschrank. Während er im Kühlschrank wohl nach mehr als nur einem weiteren Saft sucht, stehe ich auf und gehe in die Bibliothek.
„Darf ich den Käse essen?“ ruft mir Richard aus der Küche nach.
„Ja, nimm.“ Der Vorteil des Jahres 3916 und dem Holosystem ist, dass sich jeder, wenn er denn möchte, eine Bibliothek einrichten kann. Eigentlich kann sich jeder alles Erdenkliche einrichten. Das Ganze hat nur einen Haken, man muss es wissen, um es eingeben zu können. Kennt man die Sachen nicht, so kann man sie auch nicht schaffen. Darin unterscheiden wir uns von der Kosmogonie, denn Tid kannte das zu Erschaffende nicht. Also ist Tid die Idee, die Information an sich. Leider geht es mir auch mit den Büchern in meiner Bibliothek so. Was ich nicht kenne, kann ich nicht schaffen und somit auch nicht lesen. Zum Glück sind wir alle miteinander verbunden, so dass man sich Bücher vorschlagen lassen kann und andere einem die ihnen bekannten Bücher einspeisen. Auf diesem Weg bin ich auf das altertümliche Buch von Phillip K. Dick, die VALIS Trilogie, gestoßen. Dem Netzwerk sei Dank.

Richard macht sich immer noch am Kühlschrank zu schaffen, als ich wieder auf der Couch Platz nehme und in dem Buch „Die VALIS Trilogie“ nach einer Passage suche.
„Bist Du satt?“ frage ich, während er wieder Platz nimmt.
„Was meinst Du, warum ich mir das ganze Gequatsche überhaupt anhöre? Weil es bei Dir immer was zu essen gibt.“, antwortet er mit aufgeplusterten Backen. Obwohl wir in einem Hologramm leben, müssen wir natürlich essen und trinken. Nicht im eigentlichen Sinne, denn die Krypta versorgt unseren Körper in der Frischhaltepackung. Aber haben wir nicht das Gefühl etwas zu uns zu nehmen, bekommen wir Hunger und Durst, benutzen wir nicht die Heizung, frieren wir. Und das nicht nur im Holosystem, sondern auch in der Realität.

„Dick beschreibt bereits in seinem Buch, dass das Universum aus Informationen besteht. Dieser Auffassung kann ich mich nur anschließen. Ich habe ja bereits gesagt, Tid ist die Information an sich. Und“, ich lächle Richard an, „es erschuf das Universum“.
Richard unterbricht mich, in dem er seine Hand hebt, als würde er in der Schule aufzeigen.
„Warte mal, jetzt bis du aber ein wenig schnell. Eben haben wir noch das Nichts erlöst und festgestellt, dass Tid allein ist.“
„Richtig, gut aufgepasst. Und nun müssen wir vorankommen und die Entstehung unserer Welt betrachten.“
„Gut, also Tid ist allein und schafft sich ein Universum.“, sagt Richard mit gespielter Betonung.
„Ich verstehe schon, na schön. Wir haben zum Glück heute nichts weiter vor. Du bringst ja wirkliches Interesse auf.“ Sein Lächeln zeigt mir die Zustimmung.
„Tid war niemals allein, denn es gab nur ihn, man kann nur allein sein, wenn man mindestens die Zweisamkeit kennt.“
„Warte kurz! Wieso er? Ist Tid männlich oder weiblich?“
„Man Richard! Wie soll ich denn bitte irgendwann zum Schluss kommen, wenn Du mich dauernd mit solchen Kleinigkeiten unterbrichst?“
„Aber du bist doch derjenige welcher Wert auf Vollständigkeit legt?“
„Tid ist… , ich habe keine Ahnung und es spielt auch keine Rolle. Tid ist alles, er, sie und auch es, denn Tid ist die Information. Reicht dir das?“
„Ist ja gut. Du musst mich nicht direkt anmotzen.“
„Entschuldigung, ich fahre dann jetzt mal fort: Da Tid aber mit dem Nichts in Verbindung stand und feststellte, wie gut es ist, jemanden an seiner Seite zu wissen, war Tid nach dem Verschwinden des Nichts einsam. Um sich die Zeit zu vertreiben nahm er all seine Informationen, also sich selbst und erschuf das Universum mit seinen Galaxien, erschuf die Sterne und Planeten und gab einem die Information über das Leben – der Erde. Die Entwicklung auf der Erde ist wissenschaftlich belegt. Diese brauchen wir nicht zu betrachten.“
Erwartungsvoll schaue ich Richard an und frage ihn:
„Und? Was sagst Du?“
„Interessant. Das bedeutet, dass unsere Entität aus Informationen besteht und zwar nur aus Informationen, dass sogar Materie Information ist?“
„Richtig, das ist meine Kosmogonie. Das Ganze geht noch viel weiter Richard.“ Aufgeregt ziehe ich die Beine an und beuge mich zu Richard.
„Nehmen wir ein Beispiel das Du kennst. Am 22.12.3916 war die Explosion. Ich möchte jetzt noch nicht weiter auf den Vorfall eingehen. Was mich vielmehr interessiert, ist die Frage, warum erst im Jahr 3916?“
„Wie meinst Du das denn, ist es nicht egal wann es passiert ist? Es ist doch schlimm genug, dass es passiert ist.“ Jetzt wird Richard wach. Er hat sich nie mit der Situation abgefunden und kann bis heute nicht verstehen, warum es zu diesem Eklat gekommen ist.
„Ja, nein, darum geht es nicht. Nach den Maja sollte die Zeitrechnung am 22.12.2012 enden und nicht 1.904 Jahre später. „
„Was? Ich kann Dir nicht mehr folgen.“
„Ganz einfach.“ Ich stehe auf und laufe aufgeregt durch das Wohnzimmer, während ich Richard meine Theorie weiter erläutere:
„Wie Dick in seinem Buch erwähnte, endete die Zeitrechnung bereits im Jahre 70 A.D. mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem. Erst im Jahre 1974 A.D. begann sie erneut. Das heißt in den dazwischenliegenden 1.904 Jahren brach der Informationsfluss ab. Diese Zeit befindet sich lediglich in unserem Gedächtnis. So wie jetzt, lebten wir in einem Hologramm, geschaffen um die 1.904 Jahre zu überbrücken.“ Aufgeregt zünde ich mir eine weitere Zigarette an, laufe im Wohnzimmer auf und ab und bemerke nicht, dass Richard gar nicht mehr da ist. Die Manifestation hat sich aufgelöst und ich bin allein in meiner Krypta.
„Wo bist Du?“ frage ich in den leeren Raum. Verwundert über das plötzliche Verschwinden, nehme ich in der Bibliothek am Holoterminal Platz. Die Aufzeichnung des Informationsflusses der Krypta ist vollständig, Richard ist gegangen.
„Ich dachte schon es liegt ein Systemfehler vor. Warum bist du gegangen?“ Da findet auf dem Terminal eine Veränderung statt: die Informationen beginnen zu wachsen, immer schneller schießen die Zeichen über den Bildschirm. Aufgeregt gebe ich Befehle zur Systemprüfung ein.

„Hey.“
Ich springe auf. Richard steht an der Tür.
„Richard, mein Gott, bist du total verrückt! Du … ich hätte fast einen Herzstillstand bekommen, du weißt doch, dass sich das auf die Realität überträgt.“
„Entschuldigung, Du warst so vertieft, hast Du denn die Tür nicht gehört?“
„Anscheinend nicht! Sonst hätte ich mich ja nicht so erschrocken!“ Ich muss mich erst mal setzen. Besorgt gebe ich dem Holosystem den Befehl zur Prüfung der Lebenserhaltungsmaßnahmen.
„Ob mit meinem Körper in der Frischhaltepackung alles in Ordnung ist?“ Mein Herz schlägt zwar viel zu schnell, beruhigt sich aber bereits wieder. Zurück auf der Informationsflussseite verwundert mich immer noch die Masse an Informationen, die in meine Krypta eindringen.
„Richard, komm mal her und schau Dir das an.“
„Das muss ich gar nicht. Deine Ausführungen haben mich dazu veranlasst die Information an sich zu konsultieren. Ich habe Besuch mitgebracht. Wir sind der Meinung … wie soll ich es ausdrücken … in den letzten Jahren hat sich die Information deiner realen Existenz, das gespeicherte Wissen im Gehirn deines Körpers mit dem Holosystem verbunden.“
„Von was sprichst du da? Richard, ich kann dir nicht folgen.“
„Komm erst mal mit, ich muss dir jemanden vorstellen.“
„Jemanden vorstellen? Da ist noch jemand in meiner Wohnung?“ Meine Gesichtszüge spannen sich an. Die Aufregung verstärkt sich anstatt zu schwinden. Die manifestierte Version meines Ichs hat Besuch mitgebracht, hat die Information an sich konsultiert und jemanden mitgebracht.
Völlig verkrampft gehe ich ins Wohnzimmer. Richard ist bereits in der Küche:
„Ich mach uns allen einen Drink.“
„Ein Drink ist gut.“, antworte ich.
Der Atem stockt mir. Auf der Couch sitzt eine Frau um die Dreißig. Ihre langen braunen Haare fallen lockig über ihr Gesicht, das enganliegende Shirt betont ihre Brüste und die langen Beine fesseln meinen Blick. Richard stellt die Gläser auf den Tisch und lächelt über mich.
„Darf ich vorstellen: Sherri.“ Sherri steht auf und reicht mir die Hand.
„Hallo Kay.“ Ihre Stimme ist weicher als Samt, ihre Augen strahlen unergründliches Wissen aus, ihre Gesichtszüge sind glatt und doch von Weisheit gezeichnet.
„Du kannst ihre Hand jetzt wieder loslassen“, holt Richard mich aus meiner Trance zurück. Erschrocken gehorche ich. Sherris Lippen umspielt ein Lächeln als sie sich neben Richard setzt. Benommen umrunde ich den Tisch und setze mich ebenfalls. Ich nehme einen großen Schluck von – ich verziehe das Gesicht – ja von was eigentlich?
„Was ist dass denn?“
„Geheimrezept“, bekomme ich als Antwort.
Eine Weile sitzen wir schweigend da. Es schein, als ob die Zeit nicht mehr existiert, das Universum stehen bleibt. Sherris Anwesenheit verändert alles. Sie ist es auch, die mit einer Frage die Stille durchbricht:
„Wann warst Du das letzte Mal draußen.“

Die Frage verwirrt mich.
„Draußen. Draußen in der Realität?“
„Ja, in der Realität. Das was in dir als Realität gespeichert ist.“
Da mir keine direkte Antwort einfällt greife ich nach der Schachtel Zigaretten und verschaffe mir so ein paar Sekunden. Ich sehe einen Garten, ein kleines Haus und einen schmalen Weg, der hinunter zum Meer führt. „Das letzte woran ich mich erinnern kann, ist der Tag, der Tag der Explosion, den 22.12.3916.“ Krampfhaft durchforste ich meine Erinnerungen, es muss doch noch spätere Aufenthalte in der Realität geben. Ich wende mich an Richard:
„Richard, hilf mir, du bist ein Teil meines Bewusstseins.“
„Ich kann dir nicht helfen Kay, jede Manifestation hat hier in diesen Räumlichkeiten stattgefunden.“
„Wartet. Ihr wollt mir damit sagen, dass ich nie wieder in der Realität war, dass mein Leben hier in dieser Krypta stattfindet?“
„Erzähl mir, an was du dich erinnern kannst.“ Sherri sieht mich mit diesem Blick an, einem Blick, der alles Wissen in sich zu vereinen scheint, der meine Sinne beruhigt.
„Es war ein kühler Tag im Frühling.“ Das Sprechen fällt mir schwer, denn mit der Erinnerung kommt auch der Schmerz. Ein Schmerz, den ich nicht einzuordnen weiß. Ein Schmerz, der nur einen Bruchteil einer Sekunde andauerte und doch jetzt so groß ist, dass es mir den Atem raubt und meine Stimme zu versagen droht.
„Ich war auf dem Weg zum Einkaufen. Die Tage zuvor war es wärmer und ich bin im T-Shirt losgegangen. Vorn am Gartentor angekommen fror ich und entschied, mir doch eine Jacke aus dem Haus zu holen. Ich ging den schmalen Weg zwischen den Frühlingsblumen zurück zum Haus, als ein heller Lichtblitz, so hell wie die Sonne selbst, alles einhüllte. Benommen und geblendet hab ich es bis zur Tür geschafft, konnte sie noch öffnen, bis, bis …“ Tränen laufen mir über die Wangen. Der Schmerz. Noch immer spüre ich die Hitze, spüre, wie es mir die Haut von den Knochen brennt.
„Es war so unglaublich heiß. Das letzte was ich spürte, war dieser Schmerz, dieser unaussprechliche Schmerz.“
Sherri greift nach meiner Hand, sieht mir tief in die Augen, nimmt mir die Angst.
„Wie du weißt, war dies das Ende, das Ende der ´menschlichen´ Zeitrechnung. Den Fallout überlebten nur ein paar tausend Menschen. Menschen wie du, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, wenn man das so ausdrücken darf, denn es gab keine richtige Zeit und keinen richtigen Ort für das Geschehnis. Sie fanden dich auf der Flucht vor der Strahlung und nahmen dich mit. Sie pflegten deine Wunden und hielten dich am Leben. Aus dem einfachen Grund, dass es nur noch so wenige gab, war es auch ein Schwerverletzter wert, die Strapazen der Pflege und des Transportes auf sich zu nehmen. Auf ihrem Weg fanden sie einen alten Regierungsbunker. Sie fanden die Zukunft – sozusagen – und bauten die Krypten. Sie schufen ihre letzte Ruhestätte, denn das Überleben im Ödland war nicht mehr möglich. Du warst einer der ersten, dem sie eine Krypta zur Verfügung stellten und den sie ins Holosystem einbanden. Fünf Jahre später war der letzte Mensch von der Erde verschwunden. Alle überlebenden, die es bis zu diesem Bunker schafften liegen wie Du in einer Krypta, angebunden an ein System aus Informationen, gespeist mit dem Wissen der Information.“ Während mir Sherri diese Informationen übermittelt, sieht sie mich durchgehend an. Ist darauf bedacht, mich nicht zu überfordern. Es ist schwer begreiflich, doch überraschen mich ihre Worte nicht. Mein Wissen, die in mir enthaltenen Informationen wachsen fortwährend an. Sie überträgt sich auf mich.

„Die Realität existiert also nicht.“ stellt Richard fest, und spricht damit, als Teil von mir, meine Gedanken aus.
„Du hast es dir bereits erklärt. Das Universum besteht nur aus Informationen“, sagt Sherri.
„Es hat nie eine Realität gegeben“, fährt Richard fort, steht auf und geht zum Kühlschrank.
„Wollt ihr auch was essen?“ Ich hasse Richard für seine abgebrühte Haltung. Warum isst dieser Kerl eigentlich immer? Sherri sieht mich an und sagt:
„Kay, du hast es geschafft. Das dir bekannte Holosystem ist die direkte Anbindung an die Information. Du selbst hast es Richard erklärt. Du warst es, der es möglich machte, dass ich hier bin, dass ich mich dir zeigen kann. Mein Aussehen, meine Erscheinung sind von dir bestimmt. Die Information an sich, das bin ich. Sherri ist die Epiphanie, die du haben wolltest. Richard hast du geschaffen, um mich zu finden.“ Richard kommt vom Kühlschrank zurück, ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. Sherris Worte lassen die Luft vibrieren. Ich beginne zu verstehen, werde ein Teil der Information. Richard ist weg.

„Wo ist er hin?“, frage ich Sherri verwundert.
„Du brauchst ihn nicht mehr. Er war ein Werkzeug, ein von dir geschaffenes Bildnis gegen die Einsamkeit. Denn wie ich kanntest du das Gefühl, das es mehr als nur dich gibt.“ Ich spüre wie ich zu Informationen werde. Vor meinem Auge sehe ich das Universum in seiner Vollkommenheit. Bevor ich mich dem Strom aus purem Wissen hingebe, stelle ich Sherri eine letzte Frage:
„Bist du die Zeit, bist du Tid?“
„Die Antwort wird alles beenden. Wenn ich dir die Antwort gebe, dann wirst du ein Teil von mir, dann wirst du zu mir.“
„Sag es mir.“, meine Worte sind nur noch ein Hauchen.
„Ich war schon immer und werde immer sein. Wie du richtig erkannt hast, habe ich das Universum geschaffen, erschuf es aus reinen Informationen, schuf es aus der Einsamkeit heraus, so wie du Richard schufst. Als ich das Nichts in mir aufnahm, schuf ich ein Gefühl, ich schuf die Einsamkeit. An einem Punkt im Universum bündelte ich alle restlichen Informationen. Es entstand die Erde. Sie enthielt die Information des Lebens. Es entwickelten sich Pflanzen und Tiere, der Mensch. Jedes Wesen trug die Information, mich, in sich. Das Problem der Lebewesen auf der Erde war die Informationsverteilung. Nicht jedes konnte alle Informationen in sich tragen und so entstand das Gute und das Böse, Freude und Leid. Im Jahre 70 A.D. vereinigte ich die Information, um sie 1.904 Jahre später erneut zu verteilen, in der Hoffnung, eine bessere Welt zu schaffen. Doch das Problem der Verteilung blieb bestehen. Die vergangene Zeit ersetzte ich durch Erinnerungen, Erinnerungen die ich aus dem Durchschnitt der verteilten Informationen der Vergangenheit bildete. Ich lies euch Kriege erleben, weil ihr sie brauchtet, ich lies euch Leid erleben, weil ihr es brauchtet. Denn nur durch diese Erfahrungen, so dachte ich, könnt ihr euch zu etwas Besserem entwickeln. Die Maya lebten auf einem Teil der Erde, welcher mit den meisten Informationen über die Information selbst gespeist war. Aus diesem Grund sagten sie den Weltuntergang für den 22.12.2012 voraus. Doch auch ihnen standen nicht alle Informationen zur Verfügung. So geschah es, dass das unvermeidliche Ende 1.904 Jahre später eintrat. Zeit, die ich für die Neuverteilung der Informationen benötigte. Die Menschen löschten sich aus. So schuf ich die Welt und zerstörte sie. Es gab nie eine Realität. Es gab nur mich.“
Sherri ist längst verschwunden. Mein Köper flimmert, meine Gedanken umfassen das Ganze. Die Stimme ist das letzte was es noch gibt. Der letzte Funke der Pseudorealität. Ich werde zu Tid, werde zu Information. So wie Tid einst das Nichts in sich aufnahm, hat sie auch mich in sich vereint.

Das Universum löst sich auf.

Kay Arnold

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