Posted On 5. April 2015 By In gedacht, ungefiltert And 1281 Views

Geburtstag

| Lesezeit: 7 Minuten |

Geburtstag

Ein Geschichtenerzähler kommt niemals zur Ruhe. Er saugt jedes Detail aus seiner Umwelt auf, nimmt die Veränderungen der Zeit wahr. Fortwährend denkt er, ruft Informationen aus seinem natürlichen Speicher ab und puzzelt diese zu kleinen Geschichten. Immer neu, immer anders. Meine erste Geschichte sollte ich an einem weit zurückliegenden Oktobertag erzählen. Ich war Sechzehn und zu Besuch bei einer befreundeten Familie meiner Eltern. Deren Kinder wussten sich nicht zu beschäftigen, so kam es, dass ich ihnen eine Geschichte erzählte, meine erste Geschichte. Es dauerte noch viele, viele Jahre, bis ich erkannte und wusste, dass ich für immer ein Geschichtenerzähler sein mochte. All die Jahre in denen ich verschiedene Berufe ausübte, mich in die Sozialstruktur einfügte, vergaß ich nie die Gesichter der kleinen Jungen beim hören meiner Erzählung. Das Leuchten ihrer Augen, die Spannung in ihren Körpern, die nicht zu befriedigende Neugier. So kam es, dass ich im Jahre 1993 im Alter von 35 Jahren meine ersten Geschichten zu Papier brachte. An jenem Tag gab ich meinen Namen ab, versteckte meine Identität, denn ich bin ein Geschichtenerzähler und ich habe viele Namen.

Letzten Monat führte mich ein Auftrag nach Moskau. Während meines Aufenthaltes ging ich täglich den Nikitskiy Boulevard entlang und bemerkte einen Mann. Wie es nun mal eines Erzählers Art, sah ich eine Geschichte. Diese möchte ich ihnen heute erzählen:

Bestimmte Dinge im Leben bleiben vergessen, andere vergisst man nie. Sie liegen im Verborgenen, versteckt zwischen schönen und unnützen Erinnerungen, weit hinten, tief vergraben im Langzeitgedächtnis. Wir verdrängen sie, sperren sie weg, vermeintlich für immer. Doch wir irren uns. Die schlimmen Dinge bleiben ebenso erhalten wie die Guten und eines Tages, eines Tages tritt ein Reflex in unser Leben, ein Lied, ein Laut, ein Geruch oder ein Gegenstand und sie tauchen einem Sommergewitter gleich aus den lichtleeren Ecken in uns auf. Dem Blitz gleich sehen wir sie vor unserem Auge, erschrocken warten wir auf den Donner, der uns bis ins Mark erschüttert. Und auch dieser Moment der spontanen Erinnerung wird uns im Gedächtnis bleiben, für immer.

Es war an einem Freitag, vorerst das letzte Mal, dass ich mich in Moskau aufhalten würde. Mein Termin war bereits um die Mittagszeit zu Ende, so dass ich noch Zeit hatte um gemächlich über den Nikitskiy Boulevard zu schlendern und ein paar private Besorgungen zu erledigen. Ich sah den Mann am gleichen Platz, in selber Position wie an den Tagen zuvor. Seine Hände blau vor Kälte. Ich betrat die Backstube neben ihm, bestellte einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Ich setzte mich zu ihm auf den kalten Boden und reichte ihm das eben Gekaufte. Diesen Blick werde ich nie vergessen. Einen Blick, der so Leer und doch so voller Leid und Kummer. Die Augen ohne jeden Glanz. Auf Grund meiner Tätigkeit habe ich schon viele Menschen gesehen, abertausende Geschichten gehört. Doch selten habe ich solch einen Schleier vor menschlichen Augen erblickt. Einen wabernden Nebel aus erdrückenden Erinnerungen, Trauer, Hass und Schuldgefühlen. Wortlos nahm er die Gabe entgegen, verspeiste das Brötchen und nippte an dem heißen Kaffee. Minutenlang saßen wir nebeneinander, betrachteten die vorbeiziehenden Menschen.

Der Duft nach frisch Gebackenem liegt in der Luft, die offene Tür der Backstube spendet ein klein wenig Wärme. Ströme von Anzügen, Aktentaschen und schicken Jacken fliesen an uns vorüber. Ab und an streift ihn ein abwertender Blick. Hin und wieder erniedrigt sich ein Passant und wirft ein paar Münzen vor seine Füße. Mit einem freundlichen Nicken bedankt er sich, sammelt das Geld ein und tritt zurück in eine Welt aus Träumen und Erinnerungen. Ein Wagen hält vor dem Bäcker. Im polierten Lack erkenne ich eine abgemagerte, bärtige Gestallt. Sehe ihn auf dem Gehweg lungern, seine Habseligkeiten um sich geschart. Sehe zerschlissene Kleider, wild wuchernde Haare. Frage mich, wie es soweit kommen konnte.

„Es ist kalt geworden. Der Gedanke an den kommenden Winter erfüllt mich mit Angst. Angst vor der Kälte.“ Seine Stimme ist rau und brüchig vom wenigen Gebrauch. Ohne dass ich ihn darum bitten muss, beginnt er zu erzählen, beginnt mir seine Geschichte mit Worten zu malen.

„Ich sehe die Bilder vor mir, als ob es erst gestern gewesen wäre. Ich war noch ein Kind. Wäre ich doch früher nach unten gegangen. Hätte ich doch Hilfe geholt. Ich hätte sie retten können. Er hat sie mir weggenommen. Ich habe den Schrei gehört und hatte Angst. Angst vor dem was passiert. Sie haben sich oft gestritten, er hat sie geschlagen, ich wusste es, auch wenn sie es nicht wussten, aber ich wusste es, denn ich habe es gehört, habe die Flecken an ihrem Körper gesehen, die Schwellungen in ihrem Gesicht und ich wusste dass sie lügt, wenn sie sagte, sie sei gefallen. Ich wusste dass sie lügt. Konnte nichts tun, ich war noch so klein. Aber ich hätte sie beschützen müssen. Er hat mich geliebt und ich habe ihn geliebt, ich wollte es nicht glauben, denn ich habe ihn geliebt, vergöttert habe ich ihn. Bis zu jenem Tag an dem ich gesehen habe, mit meinen eigenen Augen sehen konnte. Sein Blick. Überall Blut. Diese Schmerzen, es tut so weh. Die Treppe hat geknarrt, als ich nach unten schlich. Er hat mich mit diesem wilden Blick angesehen. Überall war Blut, so viel Blut. Er hat geweint. Ich habe es gesehen. Er hat geweint. Dann ist er gegangen. Er hat sich umgedreht und ist gegangen. Hat mich allein gelassen. Ich habe ihn geliebt. Überall war Blut, so viel Blut. Ich bin nach unten gegangen. Ich konnte nicht weinen. Ich habe ihn geliebt. Ihre Augen waren offen. Sie hat mich angestarrt. Ich hatte Angst, solche Angst. Dieser Blick, die kalten Augen, ohne jeden Funken Leben. Ich hatte solche Angst. Lange habe ich vor ihr gestanden. Habe keine Hilfe geholt. Habe nicht geweint. Ich hätte weinen müssen. Klara hat geweint. Sie hat so lange geweint. Ich habe sie getröstet und sie hat geweint. Klara hat sie nicht gesehen, hat ihn nicht gesehen, hat nicht gewusst was passiert ist. Er ist gegangen. Dieser Blick. Das Letzte an was ich mich erinnere ist dieser Blick. Bis zu diesem Tag habe ich ihn geliebt. Klara hat ihn nie so sehr geliebt. Sie hatte Angst vor ihm. Ich habe ihn geliebt. Klara hat einmal gesagt, dass sie nicht will dass er nach Hause kommt. Ich habe das nicht verstanden, ich hätte es verstehen müssen, ich bin ihr Bruder, ich hätte sie beschützen müssen. Ich war noch so klein und doch hätte ich größer sein müssen. Sie hatte Angst vor ihm und ich habe ihn geliebt, ich hab es nicht verstanden. Ihre Augen haben mich angestarrt. Sie hat mir Angst gemacht. Blut lief aus ihr heraus. Es berührte meine Füße. Ich kann noch immer die Wärme spüren. Überall war so viel Blut. Ihr Blick. Verstehen sie, dieser Blick, dieser Tag, überall war Blut und ich hätte es verhindern müssen, hätte sie beschützen müssen. Es war doch mein Geburtstag. Heute ist mein Geburtstag. Seit jenem Tag bin ich nicht mehr gealtert, habe nicht mehr gelebt. Habe diesen Tag verdrängt und versucht zu vergessen. Sie haben uns damals getrennt. Klara habe ich seither nie mehr gesehen. Ich bin geflohen, versuche zu überleben, zu vergessen.“

Die Arme fest um seinen Körper gelegt schwingt er neben mir. Den Blick starr auf den Gehweg. Tränen haben sich in seinem Bart verfangen, glitzern im Schein der Sonne. So lange hat er es verstanden seine Erinnerungen zu verdrängen, sie zu vergessen, vermeintlich für immer. Nie wieder hatte er Geburtstag. All die Jahre hat er es vermieden älter zu werden.

Wissend um die Macht des Herrn reiche ich ihm meine Hand, küsse seine Stirn. Es ist mir der schönste Anblick, zu sehen, wie der verloren geglaubten Seele die Schmerzen und der Kummer schwinden. Zu sehen, wie die göttliche Wärme den Körper füllt, ihn in Licht taucht. Wie bei vielen Menschen zuvor, wird auch ihm es erst jetzt bewusst. Er ahnte es seit meinem Eintreffen, erzählte mir seine Geschichte, weil der Neuanfang nahte. Bevor ich ihn in das Licht entlasse, zeige ich ihm seine Schwester, zeige ihm das Glück, was ihr widerfuhr.

Ich bin ein Erzähler und diese haben viele Namen. Wir nehmen unsere Umwelt anders wahr. Wir sehen in allem eine Geschichte und schreiben diese nieder. In Moskau sah ich diesen Mann, einen einsamen, verlassen Mann. Ich sah den Nebel in seinen Augen, sah den Blindenstock neben ihm, auch die blauen Hände und verschlissenen Kleider konnte ich sehen. Ich wurde zu seinem Engel und hielt ihn unvergessen in einer Geschichte fest. Für Sie liebe Leser, damit auch Sie ihn nicht vergessen.

Kay Arnold

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