Posted On 31. Dezember 2014 By In gedacht, ungefiltert And 823 Views

Silvesternacht

Duisburg, 10 Uhr morgens, Rheinwiesen

Den Schal fest um seinen Hals gewickelt, den Mantel an den Körper gepresst, geht er den schmalen Pfad entlang. Die Schuhe bereits durchweicht, die Socken nass, der Boden schmatzt bei jedem Schritt, zäh klebt er an seinen Schuhen, wie die Taten an seinem Leben. Der Blick leer, stur nach vorn gerichtet. Sein Ziel, eine kleine Baumgruppe inmitten der nicht endenden Wiesenlandschaft.

Richard nimmt auf dem morschen Baumstumpf am Rande der Bäume platz, stütz seinen Kopf und atmet die kalte, feuchte Luft. Nach und nach fällt die Anspannung der letzten Stunden von ihm ab. Der Schleier um seine Gedanken lüftet sich, sein Blick klärt auf. Er kennt den Ablauf, die kommende Reaktion seines Körpers auf die vergangene Nacht. Erst verarbeitet er die Bilder des Schreckens, dann kommt der Schmerz. Jede einzelne Faser seiner Muskeln wird zucken, die roten Färbungen auf seiner Haut werden blau und die tiefen Schürfungen werden brennen. Richard greift in seine Manteltasche, fühlt das kalte Metall. Seine Finger umschließen den Griff der Pistole, er zieht sie und legt sie neben sich. Gedankenverloren blickt er über das hohe, gezeichnete Gras. Es erinnert ihn an sein Spiegelbild. Die Halme und sein Gesicht gezeichnet vom vergangenem Winter. Der Rhein fliest bedächtig, fast schwerfällig, unaufhaltsam dahin. Die Bilder der letzten Nacht fliesen ölig vor seinem Auge, Schreckensbilder seines Lebens.

Dortmund Hauptbahnhof, 03 Uhr

Der Toyota fährt langsam am Haupteingang des Bahnhofs vorbei. Richard blickt suchend durch die Menschen, die sich in der Silvesternacht auf dem Weg nach Hause befinden. Er sucht nach einer mit einem langen grauen Mantel bekleideten Person. Die Kontaktperson steht wie verabredet am linken Türflügel. Richard sieht ihn, beschleunigt den Wagen und fährt rechts auf den Parkplatz. Trotz der Routine, die er sich in den letzten Jahren angeeignet hat, überwältigt ihn jedes Mal aufs Neue die Nervosität. Mit festem Schritt geht Richard auf die Person am Bahnhofseingang zu. Der Mann mit dem langen grauen Mantel begrüßt Richard mit den Worten, die er bereits neun Mal gehört hat; „Die Macht der Gemeinschaft wird reinigen die Welt.“ Richard muss nicht mehr überlegen, welche Antwort er auf diese Begrüßung geben muss; „Die Reinigung der Welt bringt der Gemeinschaft die Macht.“ Der Mann im grauen Mantel übergibt Richard einen Umschlag, nickt ihm kurz zu, dreht sich um und geht. Richard steckt den Umschlag ein und geht zurück zum Auto, öffnet den Umschlag, liest die Notiz, betrachtet einige Minuten lang das Foto, greift auf den Rücksitz und öffnet eine kleine Metallbox, nimmt sein Feuerzeug und verbrennt die ihm überreichten Unterlagen.

Dortmund Diskothek „Night Fever“, 03:35 Uhr

Der Toyota fährt in eine kleine Seitenstraße hinter der Diskothek. Ein schmerzverzerrtes Gesicht blickt Richard aus dem Rückspiegel an. Ein letztes Mal überprüft er die Funktionsbreitschaft seiner Pistole, steigt aus und klopft am Hintereingang. Ein großer Mann öffnet die Tür und sieht Richard verwundert an. Jetzt muss alles schnell gehen. Richards Handgriffe sitzen, eine schnelle Bewegung zum Hals des Türstehers, ein Druck auf die richtige Stelle und ein Bär von Mann sackt in sich zusammen. Richard drapiert den Schlafenden vor der Tür. Schnellen Schrittes läuft Richard durch den schmalen Gang, unbemerkt erreicht er den Saal der Diskothek, hier ist er nur einer von vielen, sicher in der Masse. Die Zeilen auf der Notiz blitzen im Gewitterlicht der Stroboskopblitze vor seinen Augen.

Ort:
Hauptsaal der Disco, zu erreichen über Hintereingang, gerade durch den Flur, die linke Treppe, auf dem Podest, mittlere Sitzgruppe.

Personen:
Dunkelhäutiger Mann, schwarze Brille, kurze Haare, weißes Hemd, dunkle Jeans, Narbe auf linker Wange, umgeben von etwa 10 Personen, 5 Frauen, 5 Leibwächter.

Ziel:
Person töten

Tief atmet Richard ein, kurz klopft er auf seine Pistole, sucht das Podest, die Zielperson, sieht sie, läuft. Die Party im Night Fever ist im vollen Gange, angetörnt von der Musik und chemischen Substanzen, bewegt sich die Masse im Takt der Musik, feiert das neue Jahr. Richard besteigt die Treppe, drückt sich vorsichtig an herumstehenden Leuten vorbei. Voll konzentriert zieht er seine Pistole, der Schalldämpfer blitz im Licht, das Geräusch des Schusses völlig verschluckt vom Bass. Reflexartig steckt er die Pistole zurück in den Mantel. Die Reaktion der Menschen ist immer die gleiche, es ist der dritte Auftrag in einer Diskothek und Richard hasst diesen Ort. Der Körper der Zielperson fällt auf das Mädchen neben ihn. Eine Sekunde lang war es still, nur die Vibration des Basses. Dann beginnt es, das Schreien und Kreischen der Mädchen, die hektischen Bewegungen der Bodyguards, sehen, verstehen, suchen. Die Panik breitet sich in weniger als einer Minute über den gesamten Saal aus. Richard dreht sich um und rennt mit der Menge in Richtung Ausgang, er wird geschubst und getreten, Richard spürt Ellenbogen in seinen Rippen, stolpert. Tritte treffen den ganzen Körper, er rappelt sich auf, greift prüfend nach der Pistole und bahnt sich seinen Weg zum Hinterausgang. Der Toyota steht an Ort und Stelle, der Türsteher lehnt immer noch bewusstlos an der Hauswand.

Duisburg, 10:30 Uhr morgens, Rheinwiesen

Sein ganzer Körper zittert vor Schmerz, kaum eine Stelle blieb in der Panik unversehrt. Langsam steht Richard auf. Schritt für Schritt nähert er sich dem Rheinufer, kniet nieder und schüttet sich das kalte Wasser ins Gesicht. Hinter ihm speien die Industrieanlagen dicke Rauchwolken in den Himmel, verdunkeln die Sonne. Der Dampf kondensiert und fällt als feine Wassertropfen zurück zur Erde. Die Morde lasten auf ihm wie die schwere, wassergeschwängerte Luft. Zehn Aufträge hat Richard in den letzten sechs Monaten ausgeführt, zwölf Menschenleben musste er beenden. Der Weg der Gemeinschaft ist das Ziel. Richard hebt sich quälend, schlürft zurück zum Stamm und legt sich neben die Pistole in das nasse Gras. Mit zusammengekniffenen Augen sieht er in den Himmel, blickt auf zur Sonne, die sich hinter der Wolkenwand nur erahnen lässt. Versteckt, wie sein eigenes Leben.
Stille, kein Luftzug, kein Geräusch, kein Gedanke in seinem Kopf. Sein Leben, eine nicht endende Landschaft aus Kriminalität, verprügelten Menschen und Morden. Die Gemeinschaft, eine staatliche Organisation zur Bekämpfung der Kriminalität. Geschaffen um den Abschaum zu töten. Richards Gedanken verfinstern sich, Abschaum, ein Wort nur, eine Begriff mit einer treffenden Aussage. Abschaum, Richard sieht sich selbst als Abschaum. Eine Frau, viel zu jung zum sterben. Ein Querschläger hat sie getroffen. Es war nicht deine Schuld, haben sie ihm gesagt. „Ich habe sie getötet.“ hat Richard geantwortet.
Dicke Wolken ziehen auf, es beginnt zu regnen. Die Tropfen fallen auf sein Gesicht, der saure Regen brennt in seinen Augen, Tränen mischen sich unter das Nass des Himmels. Richard greift nach der Pistole, lädt und drückt ab.

Kay Arnold

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