Posted On 8. November 2014 By In gedacht, ungefiltert And 589 Views

„Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“

„Wir haben es geschafft, dies ist die Stelle, die du meintest.“
„Bist du dir sicher, mein Freund.“
„Wie könnte ich diesen Ort vergessen. Wir stehen genau neben dem alten Baum. Neben jenem, welcher damals schon alt und verdorrt war.“
„Gut, gut, ich danke dir. Du bist ein wahrer Freund, nimmst die Strapazen auf dich, um mich blinden Alten noch ein letztes Mal an diesen Ort der Erinnerung zu führen.“
„Nein, sprich nicht so.“
„Aber so ist es doch, alt mit kaputten Knochen, blind, mit diesem Stock vor mich her fuchtelnd, immerzu stolpernd. Dass du mich auf diesem Weg begleitest, mich mit diesem letzten Wunsch beglückst, erfüllt mich mit tiefer Ehrfurcht. „
„Nun hör aber auf! Nimm meine Hand und setz dich. Ich werde dir beschreiben, was ich sehe, werde die Erinnerungen an diesen Ort zum Leben erwecken und dir ermöglichen diesen Ort zu sehen, den Baum, die Berge, den Mond.“
„Mein Freund, kannst du dich an den alten Baum erinnern, wie sein gebogener Stamm uns trug, wie wir auf seine Äste kletterten und den Blick in die Ferne genossen? Seine morsche Rinde. Viele Schrammen haben wir von ihr erhalten und trotzdem konnte sie uns nicht aufhalten, denn sie gab uns auch den Halt den wir brauchen.“
„Ja, ja. Wie oft bin ich daran abgerutscht und habe mir meine Arme zerkratzt. Meine alte Mutter hat immer geschimpft, wenn ich so nach Hause kam. Ich kann den Baum fühlen. Bitte mein Freund, erzähl weiter.“
„Oh ja, du hast immer erzählt, wie außer sich deine Mutter doch war, und doch konnten wir es nicht lassen, diesen Ort, unseren Ort, immer wieder aufzusuchen. Heute ist es sehr klar, selbst jetzt, um diese Zeit, kann ich die Hügelkette am anderen Ende des Tales sehen. Ein leichter Dunst schwebt in Höhe der Baumkronen hinüber und schafft einen Teppich, welcher einlädt über ihn zu laufen. Ich sehe den „schlafenden Mann“. Es war deine Entdeckung, weißt Du noch, der „schlafende Mann“? Kannst du dich erinnern?“
„Oh ja und wie, du warst so eifersüchtig, dass du ihn nicht entdeckt hast. Wir waren noch so jung. Es ist der Berg zwischen den hohen Gipfeln. Auf halber Höhe liegt er. Neben dem großen Abhang beginnt er. Als erstes erhebt sich die hohe Stirn, nach rechts verlaufend ein kleines Plato, welches in eine größere Erhebung übergeht, die große Nase, am Gipfel steht sie rechts ein klein wenig über und gibt ihr die Form einer Hakennase. Wieder abfallend faltet sich die Oberfläche am Ende der Erhebung direkt zu den zugespitzten Lippen. Eine kleinere Anhöhe, welche einzeln betrachtet einen kleinen Vulkan ähnelt, in der Mitte ein Tal. Dies ist die Form der Lippen, welche fast aussehen als ob er Schnarcht und eben die Luft ausbläst. Weiter rechts der dicke Bauch, auf welchem eine Siedlung Bäume steht und nicht zuletzt die hohen spitzen Schuhe. Ich kann mich entsinnen, ich kann ihn vor mir sehen. Ach mein Freund, mein alter und ewig treuer Freund. Ich danke dir so sehr für diesen Moment.“
„Nun warte mit deinen Worten. Der Mond scheint und es ist so klar heute Nacht, dass man das Gefühl hat, dass er in greifbarer Nähe ist, dass ich ihn nehmen und dir schenken kann, dass sein Licht dich berührt und dich erstrahlen lässt. Er ist nur eine kleine Sichel und doch sieht man die Umrisse der Kugel. Ein Kranz umgibt ihn, ein Strahlen, welches der Sonne um nichts nachsteht. Ich wünschte du könntest sehen.“
„Aber das tue ich. Ich sehe! Ich sehe den Mond, die Berge, kann sehen den alten Baum. Deine Worte wecken die Erinnerung in mir, deine Worte machen sie sichtbar. Ich schmecke die kalte, klare Luft, fühle die Rinde des Baumes und kann ihn sehen, den Mond, das Strahlen, das Leuchten. Und ich spüre die Wärme und Ruhe in mir. „

Kay Arnold

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